Wenn plötzlich die Presse anruft: Klar bleiben, wenn der Druck steigt
Das Telefon klingelt. Eine Redaktion möchte eine Stellungnahme zu einem Vorfall in einer Kindertageseinrichtung – möglichst innerhalb der nächsten 20 Minuten. Intern werden noch Informationen zusammengetragen, die Einrichtungsleitung ist in Gesprächen und in den ersten Elternchats kursieren bereits Gerüchte.
Eine Krise beginnt selten mit dem Anruf der Presse. Doch der Anruf verändert das Tempo. Aus einer internen Lage wird innerhalb kürzester Zeit eine öffentliche Bewährungsprobe.
Genau diesem Moment widmete sich die dreistündige Online-Fortbildung „Hilfe, die Presse ruft an! Gut gerüstet für den Ernstfall in der Krisenkommunikation in der Kindertageseinrichtung“ des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg am 9. Oktober 2026. Falk Wellmann sensibilisierte Träger und Trägervertretungen für Strategien, Botschaften und Abläufe einer professionellen Krisenkommunikation.
Wenn aus einem Vorfall eine öffentliche Krise wird
Ein Unfall, ein schwerwiegender Vorwurf, ein Übergriff oder eine als ungerecht empfundene Entscheidung kann schnell großes Medieninteresse auslösen. Dann stehen nicht nur die Verantwortlichen der Einrichtung unter Druck.
Eltern möchten wissen, ob ihre Kinder sicher sind. Mitarbeitende brauchen Orientierung. Die Öffentlichkeit fragt nach Ursachen und Verantwortung. Gleichzeitig müssen Sachverhalte geprüft und die Rechte der Betroffenen geschützt werden.
Ungeschickte Kommunikation kann die ursprüngliche Krise zusätzlich verschärfen. Widersprüchliche Aussagen, Spekulationen oder langes Schweigen schaffen Raum für Misstrauen und Gerüchte.
Nicht sofort antworten – aber sofort handeln
Eine Presseanfrage verlangt nicht zwingend eine unmittelbare inhaltliche Antwort. Sie verlangt jedoch eine professionelle Reaktion.
Bevor eine Stellungnahme abgegeben wird, braucht es einen gemeinsamen Informationsstand. Was ist bestätigt? Welche Fragen sind noch offen? Wer muss in die Entscheidung einbezogen werden? Und welche Informationen dürfen zum Schutz der betroffenen Kinder, Familien und Beschäftigten nicht veröffentlicht werden?
Eine klar geregelte Sprecherrolle verhindert, dass unterschiedliche Personen verschiedene Versionen verbreiten. Ebenso wichtig sind kurze Freigabewege und erreichbare Vertretungen. Wer diese Zuständigkeiten erst während der Krise klärt, verliert wertvolle Zeit.
Eine erste Stellungnahme muss nicht vollständig sein
Der Wunsch nach schnellen Antworten darf nicht zu vorschnellen Behauptungen führen. Eine belastbare erste Reaktion kann knapp ausfallen:
Was ist bekannt? Was wird derzeit geprüft? Welche Maßnahmen wurden bereits veranlasst? Wann folgen weitere Informationen?
„Noch nicht abschließend geklärt“ ist glaubwürdiger als eine Vermutung, die später korrigiert werden muss. Gleichzeitig kann eine Einrichtung Anteilnahme zeigen und die Sorgen von Eltern ernst nehmen, ohne laufenden Prüfungen vorzugreifen.
Soziale Medien erhöhen das Tempo
Während eine offizielle Stellungnahme vorbereitet wird, können sich Nachrichten, Screenshots und Spekulationen bereits verbreiten. Trotzdem ist es selten sinnvoll, auf jeden Kommentar oder jedes Gerücht einzeln zu reagieren.
Entscheidend sind ein klar erkennbarer offizieller Informationskanal, verständliche Botschaften und regelmäßige Aktualisierungen. Falsche Behauptungen, die Betroffene gefährden oder die Lage erheblich verschärfen, sollten sachlich korrigiert werden. Persönliche Daten und unbestätigte Details gehören dagegen nicht in die öffentliche Diskussion.
Gute Krisenkommunikation beginnt vor dem Anruf
Die KVJS-Fortbildung machte deutlich: Im Ernstfall hilft keine perfekte Musterformulierung, wenn Rollen, Meldewege und Freigaben ungeklärt sind. Professionelle Krisenkommunikation entsteht durch Vorbereitung.
Dazu gehören erreichbare Ansprechpartner, abgestimmte Abläufe, vorbereitete Kernaussagen und regelmäßige Übungen. Denn erst unter Zeit- und Entscheidungsdruck zeigt sich, ob ein Krisenplan tatsächlich trägt.
Wer die Kommunikation für schwierige Situationen systematisch vorbereiten möchte, findet weitere Informationen in unserem Seminar zur Krisenkommunikation, unserem Krisenplanspiel und im praxisorientierten Medientraining.